Warum wird der Darm als zweites Gehirn bezeichnet?

darmVor allem durch das Buch „Darm mit Charme“ ist der wichtigste Teil des Verdauungstraktes in die Aufmerksamkeit der Massen gerückt. Dabei haben Wissenschaftler schon in den letzten Jahren beeindruckende Erkenntnisse für das etwa 5 m lange Organ gesammelt, das neuerdings auch als das zweite Gehirn bezeichnet wird.

In der traditionellen östlichen Medizin ist die Bedeutung des Darms schon länger bekannt. Doch in der westlichen Medizin wurde an der mögliche Verbindung zwischen dem Gehirn und dem Darm noch bis vor kurzem gezweifelt. Dabei hat sich die Verbindung schon längst in der Sprache („mein Bauchgefühl sagt mir“, „etwas aus dem Bauch heraus tun“, „Schmetterlinge im Bauch haben) manifestiert.

Was versteht man unter der Darmflora?

Vor allem die Darmflora, also die Gesamtheit der Mikroorganismen, die den Darm besiedeln, wurde in den letzten Jahren immer mehr untersucht. Dabei wurde die Bedeutung der Darmflora in Zusammenhang mit allen möglichen nicht-gastrointestinalen Erkrankungen herausgestellt: Migräne, chronischen Schmerzen, Autismus, Angst, Depressionen und kognitivem Leistungsverfall. Die Darmflora wird außerdem mit der Motivation und höheren kognitiven Funktionen in Verbindung gebracht.

Verbindung von Darm und Gehirn

Besonders deutlich wird die Verbindung von Darm und Gehirn bei Stress deutlich, denn Stress führt nicht selten zu gastrointestinalen Symptomen. So wird beispielsweise das Reizdarmsyndrom mit Stress und Angst in Verbindung gebracht – die meisten Reizdarm-Patienten leiden unter schweren Depressionen und Angstzuständen.

Der Darm kann weitaus mehr als nur verdauen

De facto werden mehr als 60% unserer Immunzellen im Verdauungssystem gebildet, sodass dieses enormen Einfluss auf unser Immunsystem hat. Das Hormon/Neurotransmitter Serotonin, das uns das Gefühl der Gelassenheit und inneren Ruhe vermittelt und auch als Glückshormon bezeichnet wird, wird im Darm produziert und gespeichert. Darüber hinaus verfügt der Darm über ein eigenes Nervensystem (das sogenannte enterische Nervensystem), das als zweites Gehirn bezeichnet wird. Dieses Nervensystem verfügt schätzungsweise über 100 Millionen Nervenzellen (Neuronen) – womöglich sogar mehr als das gesamte Rückenmark. De facto ist der Darm das einzige Organ, das keine Steuerung durch das Gehirn bedarf. Im Darm gibt es dieselben Nervenzelltypen wie im Gehirn und alle Neurotransmitter (über 30 an der Zahl) durchströmen auch den Darm.

Im Darm des Menschen leben mindestens 500 bis 1000 unterschiedliche Bakterienarten, deren Gesamtzahl Trillionen betragen kann und deren Gesamtgewicht bis zu 1,4 kg betragen kann. Das Entscheidende dabei ist, dass diese Mikroorganismen Wirkstoffe freisetzen, die die chemischen Vorgänge im Gehirn beeinflussen können. Es gibt Hinweise darauf, dass sie sogar die Produktion und/oder den Stoffwechsel der Neurotransmitter regulieren können.

Besonders interessant ist auch, dass etwa 90% der Verbindung zwischen Darm und Gehirn von unten nach oben verlaufen. Dabei wirken die meisten Botschaften des Darmes unbewusst im Kopf.

Natürlich kann der Darm das Gehirn nicht ersetzen – insofern ist die Bezeichnung „zweites Gehirn“ falsch. Aber der Darm hat einen wesentlich stärkeren Einfluss auf das Gehirn und die Psyche als man gemeinhin annimmt.

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